20 Jahre mit John P. MacKeown

 

Lieber John, Du betreust bei uns schon seit 2006 die Reihe „Musik und Wort“ – eine lange Zeit …

Die grosse Zeitspanne hat mich erstaunt – ich bin kein „Jubiläumsmensch“, freue mich aber darüber, wie kurzweilig dieses langdauernde Projekt bleibt.

„Musik und Wort“ bereichert die Kirchgemeinde, es steckt darin viel Kreativität, viel Wissen, viel Ausprobieren, Stöbern, Entdecken … Wie kamst Du zu M&W?

Das Format gab es in der Kirchgemeinde schon lange – zuletzt wurde es von Matthias Heep betreut, als ich für ein halbes Jahr unseren damaligen Organisten Jan Lurvink vertrat. Als Matthias M&W nicht weiterführen wollte, improvisierte ich kurzfristig eine erste Saison.

 


> Zur aktuellen Reihe Musik und Wort 


 

Ein Glück für unsere Kirchgemeinde, dass Du M&W spontan übernommen und mit viel Herzblut weiterentwickelt hast.

Mir wurde wichtig, die Programme jeweils unter ein Saisonthema zu stellen und dieses ganzheitlich zu entfalten – bewegt von Lebensfragen (theologisch, ökologisch, gesellschaftlich …) und angeregt von Gestaltungsmöglichkeiten in Musik und Wort aber auch mit Bild oder durch Bewegung im Raum. Unterschiedlichste Mitwirkende, wechselnde Aufführungsorte, auch Impulse aus Publikum und Kirchgemeinde halfen mit, die Reihe für alle Generationen zu öffnen, sodass Gross und Klein angesprochen werden – wohl auch „Gross in Klein“ und „Klein in Gross“ …

 


John MacKeown unterwegs mit Irlandklängen 2025

 

Wie würdest Du Deine Arbeitsweise beschreiben?

Ich freue mich, dass ich stark prozess-orientiert unterwegs sein kann. Die einzelnen Soirées kann ich bis zur Aufführung flexibel erarbeiten. Vieles konkretisiert sich im gemeinsamen Proben und Erproben mit den Mitwirkenden: Musik- und Wort-Elemente werden in ihrer Wechselwirkung umgestellt, einzelne noch am Vorabend zur Aufführung weggelassen. Das definitive Programmblatt hält das Publikum meist ofenfrisch in der Hand.

Du hast eine Arbeitsgruppe für M&W aufgebaut, wie wirkt Ihr zusammen?

Wir treffen uns Anfang und Ende einer Saison und zu den Soirées selbst, wo einzelne Mitglieder den anschliessenden Apéro betreuen. Georg Brunner hat als langjähriges Mitglied der Arbeitsgruppe und kundiger Rezitator die Reihe feinsinnig mitgeprägt. Im Austausch werden auch kritische Fragen gestellt: „Warum liest John zu Nachtigallengesängen aus der „Petite Camargue Alsacienne“ eine Liste von Chemikalien vor, die Basler Firmen nahe zu diesem Naturschutzgebiet deponierten?“ oder: „Warum wird Krimimusik zur Fernsehserie „Der Bestatter“ im Alterszentrum vorgeführt?“

Die Anlässe finden nun immer im Kirchli statt?

 In den letzten Jahren zunehmend; früher waren wir neben dem Calvinsaal auch sonst unterwegs: im Alterszentrum, in der Friedhofskapelle … In der aktuellen Saison gastieren wir wieder einmal in der Dorfkirche Schönenbuch –  Strassenmusik wäre auch einmal eine Idee!

Für das Zusammenbringen verschiedenster Arten von Musik und Texten ist der Vorrat unerschöpflich?

Sicherlich! – meine eigene Energie aber nicht.

Wo sind die Grenzen des Formats? Was sind Herausforderungen?

Eine Grenze liegt in der Konkretisierung des jeweiligen Programms auf eine Stunde Dauer – der Stundenschlag der Christuskirche ruft diese Grenze ja auch schmetternd in Erinnerung! Die Grenzen von Raum und Zeit, Mitwirkenden und Mitteln fordern auch zum Herausspüren des Wesentlichen heraus.

Gibt es manchmal Unerwartetes?

Neu in der letzten Saison war, dass Texte des irischen Dichters und Denkers Jonathan Swift über die Reihe „Musik und Wort“ hinaus einen „Musikalischen Gottesdienst“ prägten, in dem die Musizierenden aus allen drei Soirées zusammenwirkten und auch die Gemeinde kräftig mitsang. Unterwartet aktuell traf Swifts Kampagne von 1725 gegen wirtschaftliche und militärische Kolonialisierung Irlands den Nerv der 2025 verschärften weltwirtschaftlichen und geopolitischen Probleme: Seine Dubliner Predigt von damals forderte auch Allschwiler Hörer:innen von heute zu Zivilcourage heraus.

Wie oder wo findest Du neue Themen für M&W?`

Das kann an meinem Lehr- und Lernort Musik-Akademie Basel geschehen, aus eigenen Musizier- und Lese-Bedürfnissen entstehen, aus einer Sonate, einem Roman, einem Psalm, einem Lied … auch aus Begegnungen mit anderen Menschen. Es interessiert mich, Lebensmuster zusammenbringen, die mich bewegen oder neugierig machen – diese zu befragen oder in Frage zu stellen. Vielleicht entwickeln sich die Themen von einer anfangs eher historisch-kontextuellen Ausrichtung nun eher in einer offeneren Landschaft mit stärker gegenwartsbezogenen Fragen.

Wie lange brauchst Du, um eine Saison auszuarbeiten?

Im Entstehungsprozess unterwegs bin ich ein schlechter Zeitmesser. Ein konkretes Programme hingegen lebt von gutem „Timing“ und jede Saison braucht viel organisatorische Beharrlichkeit.

Disziplin braucht es hier ebenso wie Dialog mit Mitarbeitenden in der Kirchgemeinde.

Kommen Ideen auch aus dem Publikum?

Ja, ich frage auch direkt danach. So entstanden Soirées zu Kirchenliedern der Reformationszeit oder es erklangen Töne und Texte von Musiker:innen, die hier in Allschwil leben – in „Neualtwil“

 


Musik aus Neualtwil 2021

 

Ist es schwierig, Mitwirkende zu finden?

Ich bin mit vielen Menschen in Kontakt und finde so schnell den Weg zu passenden Personen für die Themen oder zu Personen, denen die Themen passen. Innerhalb der Kirchgemeinde fanden zum Beispiel gleich zwei Pfarrpersonen in einem Programm zusammen. Zur Saison „kurt marti jazz lokal“ konnte der Berner Theopoet zwar nicht selbst nach Allschwil kommen; er lud mich aber ein, ihn in Bern zu besuchen.

Für Dich persönlich: Mehr Musik oder mehr Wort?

Das Hin- und Herwogen zwischen den beiden kann ich nicht vermessen.

Mehr Kinder oder mehr Erwachsene?

 Es kommen mehr Erwachsene. Einige Programme sprechen auch Kinder an – ebenso wie „kindliche“ Seiten von Erwachsenen.

 


Weltkinder erkunden Violine 2018

 

Welche Saison hat Dir am besten gefallen?

Das kann ich nicht sagen – beim Durchblättern der aktuell zusammengestellten Saisonprogramme leuchtet bei jedem Programm eine andere Farbe auf.

Ein besonders erweiternder Moment war, mit „Basel gygt“ ein Programm zu entwickeln: Hier erhalten Kinder die Möglichkeit, am Stadtrand eine Geige in die Hand zu nehmen und anzufangen Musik zu machen. Ich war lange mit ihnen unterwegs, durfte mit ihnen zusammen Geige spielen lernen bis wir alle zusammen im Calvinhaus auf sämtlichen Saiten zupfend als Regenwolke durch die Publikumsreihen strömten. Oder: Im Alterszentrum projizierten wir zu Hans Christian Andersens Erzählung „Der Schatten“ Scherenschnitte des Autors. Im Vorfeld konnten Heimbewohner und Soirée-Besucherinnen ihre eigenen Profile als Schatten an die Wand werfen und ausschneiden.

 


Andersens „Schatten“ im Alterszentrum 2009

 

Was kommt beim Publikum am besten an?

Ich habe in der Programmentwicklung keine Vorstellung von Publikum, sondern freue mich auf die Begegnung mit den jeweiligen Besucher:innen. Ich lasse mich gern überraschen, und sie hoffentlich ebenso. Es ist schön, dass ein zahlreiches und vielfältiges Publikum sich immer wieder zu und von Programmen bewegen lässt.

Hat sich durch die Arbeit an den Saisons M&W Deine Einstellung zu Religion, Kirche … geändert?

Jemand hat mich einmal gefragt, wo in meiner Arbeit der Glaube drinstecke. Spontan kam mir der Gedanke: wo Liebe und Hoffnung mit unterwegs sind. Hier eine festere Einstellung zu haben ist nicht meine Sache, eher das immer wieder Aufbrechen und weiter Unterwegssein.

Eine Saison widmetest Du „Märchen“ – wie verknüpfst Du diese mit Theologie / Kirche? 

Auch Märchen sind Versuche, Lebensfragen erzählerisch weiterzutragen. Die Bibel strotzt vor Märchen und auch hier begegne ich Geschichtenerzählen als Versuch, sich Gott im Leben zu nähern, ohne sich „ein Bildnis zu machen“.

Eine Saison wandelte auf den Traumpfaden der australischen Aborigines – hast Du weitere Religionen und Kulturen im Blick?

Den Prospekt zur Saison mit den Nachtigallen zierte ein Lebensbaum-Motiv an einer indischen Moschee. Damals entstand je ein Programm zu Schöpfungsgesängen jüdischer und altindischer Tradition sowie eine Soirée zu Darwins Reisebericht von den Galapagos-Inseln – wer weiss, wohin mich eine nächste Reise führen wird?

 


Saisonthema „schöpferisch“ 2010

 

Sind auch ganz andere Musikrichtungen vorstellbar –  z. B. Heavy Metal?

Dank meinem Bruder, der Gitarrist sowohl in Rock als auch in Klassik ist, bin ich nicht unvertraut damit: Für „Musik und Wort“ braucht ein Rock-Konzert neben grosser Klangverstärkung ebenso grosse Publikumsverstärkung … und einen geeigneten Aufführungsort.

Was würdest Du Dir von unserer Kirchgemeinde wünschen?

Mit M&W bin ich recht „vergnügt“ unterwegs – für Programme mit grösserem Ensemble gilt es aber jeweils einen grösseren finanziellen Spielraum zu suchen.

Generell beschäftigt mich, dass in Kirchgemeinden die Auseinandersetzung mit ökologischen Fragen schwächer geworden ist. Ich war in der Kirchenbewegung „Friede, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung“ engagiert und entwickelte auch Musik für das damals thematisierte „Halljahr“ mit …

Was würdest Du bei uns vermissen, wenn es nicht mehr da wäre?

Das Kirchli, in seinem Menschenmass.

Lieber John,
Vielen herzlichen Dank für so viele kreative Saison-Kompositionen, wir freuen uns sehr auf die nächsten!

Das Gespräch führte Susanne Gatfield.